Theorie: Diskussion zu Inklusion

Armutsmessung – Überlegungen von Alban Knecht

Auf Facebook hat Alban Knecht Erfahrungen aus einem Workshop zur Armutsmessung reflektiert. Der interessante Text ist auch für die Diskussion zum IC4 relevant: Schließlich gehen wir davon aus, dass es je Staat so etwas wie eine "normale" Standardversorgung durch die Funktionssysteme gibt, und dass dieser Standard der maßstab sein soll. Die gängigen statistischen Verfahren, um das Ausmaß an Armut bzw. Armutsgefährdung festzustellen, gehen von ähnlichen Überlegungen aus und beziehen sich jeweils auf ein pro Land durchschnittliches Niveau. Alban Knecht weist in seinen Kommentaren darauf hin, dass es einige Probleme dabei gibt, den Standard festzustellen. Lesenswert. Hier sein Beitrag:

 

Alban Knecht auf Facebook, 2017-09-22

Gedanken im Anschluss an einen Workshop zur multidimensionalen Armutsmessung

Der Besuch einer Summer School hat mich wieder einmal in die Gefilde der von Ökonomen dominierten Diskussion über die Methoden der multidimensionalen Armutsmessung geführt. 

Frappierend an dem Workshop, an dem Armutsforscher aus ca. 20 verschiedenen Ländern aus allen Kontinenten der Welt teilgenommen haben, war die große Bedeutung, die der Festlegung der Armutsgrenzen gegenüber den alltäglichen Problemen, der von Armut betroffenen Menschen beigemessen wurde – wobei gleichzeitig die Unzulänglichkeit aller zur Verfügung stehenden Methoden sichtbar wurde. Denn in der Grenzen überschreitenden und Länder vergleichenden Armutsmessung verschärft sich ein Problem, mit dem die Vermessung der Armut immer schon konfrontiert ist: Wie soll man festlegen, wo Armut anfängt und wo sie aufhört? Wer genau ist von Armut betroffen und wer nicht? 

Häufig wird für die Beantwortung dieser Frage einer der drei in der Folge beschriebenen Wege gegangen: Zum einen kann ein Kriterium definiert werden, das eine Einkommensschwelle festlegt: Wer in einem Haushalt lebt, dessen Einkommen unterhalb der Schwelle liegt (unter Berücksichtigung der Haushaltsgröße) gilt als arm. Bei der offiziellen Armutsmessung der EU wird zu diesem Personenkreis gezählt, wer in einem Haushalt lebt, der weniger als 60% des Medianeinkommens verdient, also jemand, der weniger als 60% der Person verdient, die die ärmere Hälfte der Bevölkerung von der reicheren teilt. Es handelt sich hier um ein sogenanntes relatives Armutskriterium, da die Armut an einem Durchschnitt der Bevölkerung festgemacht wird. In weltweiten, ländervergleichenden Untersuchungen wird mit absoluten Armutsschwellen in der Höhe von einem oder zwei Dollar pro Tag operiert, wobei die unterschiedliche Kaufkraft eines Dollars – die sogenannte Kaufkraftparität – berücksichtigt wird. Die Weltbank operiert seit 2015 mit einer Armutsschwelle von 1,90 Dollar. Gemäß dieser Grenze gelten 10% der Weltbevölkerung, also über 700 Millionen Menschen, als absolut arm.

Eine andere Weise der Festlegung von Armut untersucht, ob ein Haushalt in bestimmten Bereichen durch geringen Konsum gekennzeichnet ist. Die Statistik der EU hantiert dabei zum Beispiel mit Fragen, ob es finanziell unmöglich ist, die Wohnung warm zu halten, ob man sich jährlich einen Urlaub leisten kann, oder ob man sich aus finanziellen Gründen keine Waschmaschine leisten kann. Werden mehrere solche Fragen positiv beantwortet, gilt ein Haushalt als depriviert.

Ein dritter Weg stellt die multidimensionale Armutsmessung dar. Hier werden verschiedene Armutsindikatoren von einer Person parallel erhoben. In länderspezifischen Betrachtungen wird oft eine breite Palette erfasst, die beispielsweise die höchste abgeschlossene Ausbildung, die Wohnungsgröße, Wohneigentum, aber auch die subjektive Lebensqualität oder das subjektive Gefühl von Armut betroffen zu sein umfassen kann.

In weltweiten Untersuchungen werden bei dieser Methode oft nur wenige Daten verwendet, u.a. weil in vielen Ländern die Datenlage dürftig ist. Teilweise werden dann für internationale Vergleiche auch nur Durchschnittsgrößen herangezogen und nicht die Verteilung innerhalb der Gesellschaft. In den Human Development Reports, welche die UN jährlich herausgibt, werden beispielsweise das Durchschnittseinkommen, die durchschnittliche Lebenserwartung und ein Bildungsindikator, der Bildungsabschlüsse abbildet, erfasst. Viele Industriestaaten haben allerdings in allen Bereichen ähnlich hohe Werte, so dass sich die Zahlen nicht dafür eignen, Unterschiede dieser Länder zu diskutieren. 

Bei der multidimensionalen Armutsmessung stellt sich die Frage, ob die verschiedenen Dimensionen am Ende wieder zu einem Indikator zusammengefasst werden oder ob die verschiedenen Dimensionen erhalten bleiben und getrennten Betrachtungen zugänglich sein sollen. Kann man Gesundheit und Lebenserwartung mit Einkommen verrechnen? Einerseits ist das problematisch, andererseits kann Politik nur mit einfachen Ergebnissen hantieren – und sollte man sich nicht an der Rezeptionsfähigkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse orientieren?

Bereits bei der einfachen Methode der Festlegung von Armutsgrenzen entstehen grundsätzliche Fragen: Eigentlich gilt das Problem der Berechnung der Haushaltgrößen durch die Berücksichtigung der Äquivalenzeinkommen als bewältigt. Dabei wird weiteren Haushaltsmitgliedern ein Faktor zugewiesen, um die monetären Vorteile der gemeinsamen Haushaltsführung auszugleichen. Aber wie groß sind die Größenvorteile tatsächlich? Hat ein Kind 0,3 oder 0,5 Mal den Bedarf eines Erwachsenen und hat ein weiteres erwachsenes Haushaltsmitglied einen Bedarf, der 0,5 oder 0,7 Mal so groß ist, wie der eines Haushaltsvorstandes? Fraglich ist auch, ob diese Äquivalenz-Faktoren in der Praxis überhaupt für arme und reiche Haushalte gleich hoch sind. 

Doch das ist erst der Anfang der Schwierigkeiten, die die StatistikerInnen tendenziell durch immer kompliziertere mathematische Verfahren in den Griff zu bekommen versucht. Armutsquoten werden mit Maßen der Verteilung wie dem Gini-Koeffizient kombiniert, um die relative Deprivation mitzuberücksichtigen. Clusteranalysen und Faktorenanalyen geben Hinweise darauf, welche Indikatoren zusammengefasst werden können, bzw. ob einige Indikatoren wenig neue Informationen enthalten. Fuzzy Logic stellt einen Versuch dar, unscharfe Grenzen, wie die Armutsschwelle, zu modellieren und rechenbar zu machen. 

Die Vorträge der Teilnehmerinnen offenbarten ein noch größeres Spektrum an zur Verfügung stehenden Methoden. So wurde eine Anpassung der Armutsgrenzen an die durchschnittlich in den Ländern zur Verfügung stehenden Konsumgütern vorgestellt – denn, wenn ein großer Teil der Bevölkerung keinen Strom hat, könnte die Bedeutung von Strom eine geringere Bedeutung haben für die Frage haben, ob jemand arm ist. Andere probieren die Armutsschwelle durch die Preise festzulegen, die die täglich notwendigen Kalorien in Form eines möglichst günstiges Gericht kosten. 

Besonders offensichtlich wurden die Probleme der Armutsmessung an einem Vortrag einer südamerikanischen Armutsforscherin. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt mit relativ hohem Lebensstandard in städtischem Gebiet, während es auf dem Land nicht einmal ein Stromnetz gibt. Waschmaschinen gibt es dort dennoch; sie werden durch mit sehr billigem Diesel betriebenen Generatoren gespeist. Ist die Abwesenheit eines Stromnetzes an sich ein Armutsindikator oder ist sie sozial akzeptabel, weil es ein Ersatz gibt oder weil sie den regionalen Standard darstellt? Spielt die Tatsache eine Rolle, dass in der Nähe der großen Speicherseen, wo der Strom produziert wird, dieser nicht verfügbar ist, sondern stattdessen eine entfernt gelegenen Stadt damit versorgt wird? All diese Fragen nötigen den Forschern Bewertungen ab und stellen eine international einheitliche Handhabung in Frage. Darüber hinaus berichtete die Südamerikanerin von einem Kollegen, der mit geläufigen Methoden für sein Land zu sehr hohen Armutsquoten gelangt ist und daraufhin seinen Job verloren hat. Armut kann vielleicht auch nur das sein, was die Politik aushält. Das hat sich auch in Deutschland gezeigt, als die Regierung Kohl jahrelang eine offizielle Armutsberichterstattung verhindert hat: Die Existenz der Sozialhilfe sorge automatisch dafür, dass es keine Armut gebe, so die Begründung. Zynisch könnte man anführen, dass sich hier die Situation seit Hartz-IV verbessert hat: Heute wird die Existenz von Armut in Deutschland von niemandem mehr in Abrede gestellt.

Alles in allem betrachtet, muss man sich fragen, ob die Suche nach Lösungen einer allgemeinen Ratlosigkeit weichen sollen? Was die technischen Aspekte der Festlegung von Armutsschwellen betrifft, überzeugt am meisten eine ältere Idee des britischen Forschers Peter Townsend. Er untersuchte, ab welcher Lebens- und Einkommenssituation die Probleme stark zunehmen und Familien „disfunktional“ werden. Aber auch hier stellt sich die Frage, wie Gesundheits- oder Wohnprobleme gemessen und relativ zueinander bewerten werden können. Am Ende wird auch bei diesem Verfahren klar, dass die Armut, die hier gemessen wird, doch immer die Armut ist, die vorher definiert wurde.

Halb im Spaß wurde unter einigen TeilnehmerInnen des Workshops diskutiert, was passiert wäre, wenn auch von Armut Betroffene an den Diskussionen im Workshop teilgehabt hätten. Die knappe Antwort von einem der Teilnehmer lautete: „Ich hätte mich sowas von geschämt“, was zeigt, dass sich bei dieser Art der Armutsforschung doch ein Gefühl einschleichen kann, dass man den betroffenen Menschen so nicht gerecht wird. Das ist dann immerhin eine Beschämungssituation mit umgekehrtem Vorzeichen, sind es doch normalerweise die Armen, die Scham gegenüber anderen Bevölkerungsschichten erleben.

Das vielleicht absurd wirkende Szenario der Beteiligung von Armut betroffener Menschen an den technokratischen Diskussionen über Armutsgrenzen weist dennoch in die richtige Richtung: Sicherlich ist es nötig und wichtig international vergleichbare Zahlen über Armut zu erheben; gleichzeitig sollte sich die Armutsmessung nicht so weit von den Alltagsproblemen und Nöten der betroffenen Bevölkerungsschichten entfernen und unterschiedliche Ansätze, auch qualitative, parallel verwenden. Die Diskussion muss sich immer in der Nähe von sozialpolitischen Eingriffen bewegen und mögliche Verbesserungen mitbedenken, will sie nicht einen Zahlensalat produzieren, der niemanden satt macht. Die Frage, ob sich jemand etwas oberhalb oder unterhalb der Armutsgrenze befindet, wird dabei relativiert – und die Einbeziehung von Betroffenen könnte dann eine Selbstverständlichkeit sein.